Gedichte

Lass Dich von inspirierenden Gedichten in andere Gedankenwelten entführen.

Blumenwiese

Mensch-Vulkan



Eben noch ganz ruhig und freundlich
Tobt er los wie ein Orkan
Und macht Dir zwangsläufig deutlich
Du bist schuld, was er nicht kann.

Was genau ihn aus dem Anzug
Springen ließ, wird Dir nicht klar.
Wirkt auf Dich wie bloßer Unfug
Menschens Hülle siehst Du da.

Gewalt verwüstet eine Schneise
Doch auch er ist tief gequält
Bis er wieder – still und leise –
Wird ganz ruhig und menschbeseelt.

Jetzt versucht er, weil ihm peinlich
Ist, dass er verließ die Haut,
Darzustell’n sich fein und reinlich,
Mensch, dem man sich anvertraut.

Welche Menschensqualen, sag‘
Liegen in der Seele Grab?
Sie zu heben, anzuseh’n
Hilft uns lernen, zu versteh’n.

— Daniel de Lorenzo (*1974)

Gestutzte Eiche



Wie haben sie dich, Baum, verschnitten
Wie stehst du fremd und sonderbar!
Wie hast du hundertmal gelitten,
Bis nichts in dir als Trotz und Wille war!


Ich bin wie du, mit dem verschnittnen,
Gequälten Leben brach ich nicht
Und tauche täglich aus durchlittnen
Roheiten neu die Stirn ins Licht.


Was in mir weich und zart gewesen,
Hat mir die Welt zu Tod gehöhnt,
Doch unzerstörbar ist mein Wesen,
Ich bin zufrieden, bin versöhnt.


Geduldig neue Blätter treib ich
Aus Ästen hundertmal zerspellt,
Und allem Weh zu Trotze bleib ich
Verliebt in die verrückte Welt.


Mit freundlicher Genehmigung: © Suhrkamp Verlag Berlin

— Hermann Hesse (1877-1962) Schriftsteller, Das Lied des Lebens – Seite 120 – Suhrkamp Verlag – Erste Auflage 1986

Stufen


Wie jede Blüte welkt und jede Jugend
Dem Alter weicht, blüht jede Lebensstufe,
Blüht jede Weisheit auch und jede Tugend
Zu ihrer Zeit und darf nicht ewig dauern.
Es muß das Herz bei jedem Lebensrufe
Bereit zum Abschied sein und Neubeginne,
Um sich in Tapferkeit und ohne Trauern
In andre, neue Bindungen zu geben.
Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,
Der uns beschützt und der uns hilft, zu leben.


Wir sollen heiter Raum um Raum durchschreiten,
An keinem wie an einer Heimat hängen,
Der Weltgeist will nicht fesseln uns und engen,
Er will uns Stuf’ um Stufe heben, weiten.
Kaum sind wir heimisch einem Lebenskreise
Und traulich eingewohnt, so droht Erschlaffen,
Nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise,
Mag lähmender Gewöhnung sich entraffen.


Es wird vielleicht auch noch die Todesstunde
Uns neuen Räumen jung entgegen senden,
Des Lebens Ruf an uns wird niemals enden…
Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde!


Mit freundlicher Genehmigung: © Suhrkamp Verlag Berlin

— Hermann Hesse (1877-1962) Schriftsteller, Das Lied des Lebens – Seite 198 – Suhrkamp Verlag – Erste Auflage 1986

Glück



Solang Du nach dem Glücke jagst,
Bist Du nicht reif zum Glücklichsein
Und wäre alles Liebste Dein.


Solang Du um Verlor‘nes klagst
Und Ziele hast und rastlos bist,
Weißt Du noch nicht, was Friede ist.


Erst wenn Du jedem Wunsch entsagst,
Nicht Ziel mehr noch Begehren kennst,
Das Glück nicht mehr mit Namen nennst,


Dann reicht Dir des Geschehens Flut
Nicht mehr ans Herz, und Deine Seele ruht.


Mit freundlicher Genehmigung: © Suhrkamp Verlag Berlin

— Hermann Hesse (1877-1962) Schriftsteller, Das Lied des Lebens – Seite 50 – Suhrkamp Verlag – Erste Auflage 1986
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